Biologie · Verstehen und üben

Erregungsleitung und Myelin

Wie gelangt ein Nervensignal entlang eines Axons? Vergleiche kontinuierliche und saltatorische Leitung und entdecke, warum Myelin und Schnürringe zusammenarbeiten.

Das kannst du danach

Weiterleitung erklärenMyelin und Schnürringe zuordnenLeitungszeiten berechnen12 Aufgaben lösen

Wie kommt das Signal ans Ende des Axons?

Ein Aktionspotenzial entsteht zunächst an einem begrenzten Membranabschnitt. Damit eine Information die Endknöpfchen erreicht, muss die Spannungsänderung entlang des Axons weitergegeben werden. Dabei wirken passive Ausbreitung und aktive Neuerzeugung zusammen.

Durch den Na+-Einstrom an einer aktiven Stelle entstehen lokale elektrische Ströme. Sie verändern die Spannung an benachbarten Membranabschnitten. Erreicht die Depolarisation dort den Schwellenbereich, öffnen spannungsabhängige Na+-Kanäle: Ein neues Aktionspotenzial entsteht.

Das Signal wird entlang der Membran immer wieder erneuert. Nicht ein bestimmtes Natriumion reist vom Anfang bis zum Ende des Axons. Die beteiligten Ionen bewegen sich lokal; weitergeleitet wird die Änderung des elektrischen Zustands.

Kontinuierlich oder saltatorisch?

Ohne Myelin: kontinuierliche Leitung

In aufeinanderfolgenden benachbarten Membranabschnitten wird das Aktionspotenzial neu erzeugt. Die lokale Depolarisation verbindet die aktiven Bereiche miteinander. „Kontinuierlich“ bedeutet nicht, dass das gesamte Axon gleichzeitig aktiv ist.

Mit Myelin: saltatorische Leitung

Myelin umhüllt das Axon abschnittsweise. Dazwischen liegen Ranvier-Schnürringe mit einer hohen Dichte spannungsabhängiger Na+-Kanäle. An diesen Lücken werden Aktionspotenziale regeneriert.

Zwischen zwei Schnürringen breitet sich die Spannungsänderung unter der Myelinscheide passiv aus. Sie muss am nächsten Ring noch ausreichen, um die Schwelle zu erreichen. „Saltatorisch“ heißt springend, beschreibt aber die räumlich getrennten Orte der aktiven Neuerzeugung – das Signal überspringt nicht einen leeren Zwischenraum.

Warum Myelin die Leitung beschleunigt

Myelin besteht aus mehrfach gewickelten Membranen von Gliazellen. Im peripheren Nervensystem bilden Schwann-Zellen die Hülle; im zentralen Nervensystem übernehmen dies Oligodendrozyten. Ein myelinisierter Abschnitt wird Internodium genannt.

Die Hülle erhöht den elektrischen Widerstand der umhüllten Membran und verringert ihre effektive Kapazität. Dadurch geht unterwegs weniger Strom durch die Membran verloren, und für eine Spannungsänderung muss unter der Hülle weniger Ladung umverteilt werden. Die Depolarisation kann den nächsten Schnürring rasch erreichen.

Auch der Axondurchmesser beeinflusst die Leitung. Ein größerer Durchmesser verringert den inneren elektrischen Widerstand und begünstigt die Ausbreitung. Myelinisierung, Durchmesser, Temperatur und der Zustand der Membran wirken zusammen; es gibt deshalb keine einzige Geschwindigkeit „für alle Nerven“.

Leitungslabor: Verfolge die Neuerregung

Wähle eine Axonart und gehe den Ablauf schrittweise durch. Das Axon bleibt in beiden Fällen durchgehend; bei Myelin werden die ausgewählten Schnürringe hervorgehoben.

Weiterleitung entlang eines Axons Ein durchgehendes Axon. Blaue Punkte markieren ausgewählte Orte, an denen das Aktionspotenzial neu entsteht. Im Modus mit Myelin sind die umhüllten Zwischenstücke helltürkis dargestellt.Start oben · Verlauf nach unten1234567Punkte = Orte der Neuerregung

Blau: gerade aktivGrau: bereits passiertWeiß: noch nicht erreichtOrange gestrichelt: passive Ausbreitung

Das Modell zeigt ausgewählte Orte und keine reale Zeitachse. Die Zahl der Klicks liefert weder eine Geschwindigkeit noch ein festes Geschwindigkeitsverhältnis. Grau bedeutet nicht, dass alle vergangenen Orte gleichzeitig refraktär sind.

Warum läuft ein Signal normalerweise vorwärts?

Der gerade aktive Bereich depolarisiert benachbarte Membran. Der unmittelbar zuvor erregte Bereich ist aber vorübergehend nicht oder nur schwer erneut aktivierbar: Viele Na+-Kanäle sind noch inaktiviert. Diese Refraktäreigenschaften unterstützen die Vorwärtsleitung des bereits laufenden Signals.

Unter normalen Bedingungen beginnt das Signal an seiner Auslösestelle und läuft zu den Endknöpfchen. Reizt man ein zuvor ruhendes Axon experimentell in der Mitte, kann sich die Erregung jedoch in beide Richtungen ausbreiten. Die Membran ist kein grundsätzlich nur in einer Richtung leitendes Kabel.

Kurzer Wissenscheck

Was geschieht zwischen zwei Schnürringen?

Wähle eine Antwort und begründe sie zunächst selbst.

Leitungszeit berechnen und richtig einordnen

Für ein vereinfachtes Rechenbeispiel nehmen wir eine konstante Leitungsgeschwindigkeit an. Dann gilt:

Zeit t = Strecke s / Geschwindigkeit v

Bei s = 0,60 m und v = 30 m/s ergibt sich t = 0,020 s = 20 ms. Bei derselben Strecke und 60 m/s wären es 10 ms. Das sind gewählte Rechenwerte, keine Messung eines bestimmten Nervs.

Die berechnete Leitungszeit ist nicht die gesamte Reaktionszeit eines Menschen. Reizaufnahme, Verarbeitung, synaptische Übertragung und Muskelaktivierung können zusätzlich Zeit benötigen.

Wird Myelin beeinträchtigt, können größere Stromverluste und veränderte Membraneigenschaften die Leitung verlangsamen. Reicht die Depolarisation am nächsten erregbaren Abschnitt nicht mehr für die Schwelle aus, kann die Weiterleitung ausfallen. Ein isolierender Mantel allein genügt also nicht: Die erregbaren Abschnitte müssen ebenfalls funktionieren.

12 Aufgaben: verstehen, anwenden und begründen

Versuche jede Aufgabe zuerst selbst. Nutze bei Bedarf den Tipp und vergleiche erst danach mit der Lösung.

1 · Beschreibe die Weiterleitung in zwei zusammengehörigen Schritten.

Tipp

Passiv und aktiv.

Lösung mit Erklärung

Lokale Ströme depolarisieren den nächsten Membranabschnitt passiv. Erreicht er die Schwelle, wird dort durch spannungsabhängige Kanäle ein neues Aktionspotenzial erzeugt.

2 · Reist ein Natriumion mit dem Signal durch das ganze Axon?

Tipp

Unterscheide Teilchenbewegung und Signalfortleitung.

Lösung mit Erklärung

Nein. Ionenbewegungen sind lokal. Die Änderung der Spannung und ihre wiederholte Neuerzeugung geben die Information weiter.

3 · Was bedeutet kontinuierliche Erregungsleitung?

Tipp

Denke an aufeinanderfolgende Membranbereiche.

Lösung mit Erklärung

Das Aktionspotenzial wird entlang eines nicht myelinisierten Axons in benachbarten Bereichen nacheinander erneuert.

4 · Was ist ein Ranvier-Schnürring?

Tipp

Welche Hülle ist dort unterbrochen?

Lösung mit Erklärung

Eine Lücke zwischen myelinisierten Axonabschnitten. Hier sind viele spannungsabhängige Na⁺-Kanäle konzentriert; Aktionspotenziale können regeneriert werden.

5 · Warum ist „Springen“ nur eine anschauliche Kurzbeschreibung?

Tipp

Was passiert unter der Hülle?

Lösung mit Erklärung

Zwischen den Ringen breitet sich die Depolarisation passiv durch das kontinuierliche Axon aus. Nur die Orte der aktiven Neuerzeugung sind voneinander getrennt.

6 · Nenne zwei elektrische Wirkungen von Myelin.

Tipp

Widerstand und Kapazität.

Lösung mit Erklärung

Myelin erhöht den Membranwiderstand und senkt die effektive Membrankapazität der umhüllten Abschnitte. Dadurch wird die Weiterleitung begünstigt.

7 · Welche Zellen bilden Myelin im peripheren und im zentralen Nervensystem?

Tipp

Zwei Typen von Gliazellen.

Lösung mit Erklärung

Im peripheren Nervensystem sind es Schwann-Zellen, im zentralen Nervensystem Oligodendrozyten.

8 · Warum unterstützt die Refraktärzeit die Vorwärtsleitung?

Tipp

Der gerade zuvor aktive Bereich ist noch nicht vollständig erholt.

Lösung mit Erklärung

Dort sind viele Na⁺-Kanäle noch inaktiviert. Er lässt sich deshalb nicht sofort erneut erregen, während der nächste ruhende Abschnitt aktivierbar ist.

9 · Kann ein ruhendes Axon nach einem Reiz in der Mitte in beide Richtungen leiten?

Tipp

Prüfe, ob auf beiden Seiten erregbare Membran liegt.

Lösung mit Erklärung

Ja, bei geeigneten experimentellen Bedingungen. Beidseits können ruhende, aktivierbare Membranabschnitte liegen.

10 · Berechne die Leitungszeit für 0,80 m bei 40 m/s.

Tipp

t = s / v; Sekunden in Millisekunden umrechnen.

Lösung mit Erklärung

0,80 m / 40 m/s = 0,020 s = 20 ms. Dabei wird eine konstante Geschwindigkeit angenommen.

11 · Warum ist die Leitungszeit nicht gleich der gesamten Reaktionszeit?

Tipp

Welche Schritte liegen vor und nach der Axonleitung?

Lösung mit Erklärung

Reizaufnahme, neuronale Verarbeitung, Synapsen und die Aktivierung der Muskulatur können zusätzliche Zeit beanspruchen.

12 · Darfst du aus den Klickzahlen im Leitungslabor einen Geschwindigkeitsfaktor ableiten?

Tipp

Das Modell hat keine reale Zeitachse.

Lösung mit Erklärung

Nein. Die Punkte und Schritte sind ausgewählte Lernstationen. Geschwindigkeiten erfordern reale Strecken und Zeiten; die Zahl der Klicks ist kein Messwert.

Passende Materialien zum Weiterlernen

Vorschau des Arbeitsblatts

Erregungsleitung und Myelin – Arbeitsblatt mit Lösungen

Kostenloses Arbeitsblatt mit Lösungen zum selbstständigen Üben oder für den Unterricht.

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Fachliche Grundlagen

Vertiefung: UTHealth: Propagation of the Action Potential. Das Leitungslabor ist ein räumliches Lernschema ohne physikalisch berechneten Zeitverlauf. Die Rechenaufgaben verwenden ausdrücklich angenommene Geschwindigkeiten.

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