Wer darf Gesetze beschließen? Wer bestimmt die Regierung? Und wer greift ein, wenn eine Krise die öffentliche Sicherheit bedroht? Solche Fragen musste die erste deutsche Republik nach dem Ende der Monarchie neu beantworten.
Die Weimarer Verfassung von 1919 verband weitreichende demokratische Rechte mit einem starken Reichspräsidenten. Hier lernst du, wie die wichtigsten Institutionen zusammenwirkten, welche Möglichkeiten die Bevölkerung erhielt und weshalb bestimmte Regeln später gefährlich werden konnten.
Eine demokratische Verfassung entsteht durch Beratung, Konflikt und Kompromiss. Die Szene zeigt keine dokumentierte Sitzung. KI-generierte Veranschaulichung, keine historische Bildquelle.
Das kannst du danach: Du erklärst Volkssouveränität und Verhältniswahl, ordnest Reichstag, Reichspräsident, Regierung und Reichsrat ein, untersuchst Artikel 48 und beurteilst demokratische Stärken sowie Risiken der Verfassung.
1. Eine Verfassung für die neue Republik
Nach der Novemberrevolution gab es keine monarchische Reichsspitze mehr. Nun musste eine dauerhaft geltende Ordnung festlegen, wer welche Aufgaben hatte und wie Macht kontrolliert werden sollte. Dafür wurde am 19. Januar 1919 eine verfassunggebende Nationalversammlung gewählt.
Sie tagte zunächst in Weimar. Ihr Entwurf beruhte wesentlich auf der Arbeit des Staatsrechtlers Hugo Preuß und auf Kompromissen der demokratischen Parteien. Am 31. Juli 1919 verabschiedete die Versammlung die Verfassung. Reichspräsident Friedrich Ebert unterzeichnete sie am 11. August; mit der Verkündung am 14. August 1919 trat sie in Kraft.
Der Staat hieß weiterhin Deutsches Reich. Das Wort Reich bedeutete also nicht automatisch Monarchie. Weimarer Republik ist die historische Bezeichnung für die demokratische Epoche, benannt nach dem Tagungsort der Nationalversammlung. Berlin blieb die Hauptstadt.
Originalquelle, Artikel 1: „Das Deutsche Reich ist eine Republik. Die Staatsgewalt geht vom Volke aus.“
Erkläre die beiden Aussagen des Artikels 1
Der erste Satz legt die Staatsform fest: keine erbliche monarchische Spitze. Der zweite begründet die staatliche Macht im Volk. Eine Republik allein ist noch keine Garantie für Demokratie; entscheidend sind zusätzlich Beteiligungsrechte, Freiheit, Machtkontrolle und ihre praktische Durchsetzung.
2. Wählen und mitentscheiden
Die Verfassung sah für den Reichstag allgemeine, gleiche, unmittelbare und geheime Wahlen nach den Grundsätzen der Verhältniswahl vor. Wahlberechtigt waren grundsätzlich deutsche Frauen und Männer ab 20 Jahren. Das Frauenwahlrecht war bereits im November 1918 eingeführt worden; die Verfassung sicherte diese Erweiterung der Beteiligung ab.
Allgemein bedeutete, dass die Teilnahme nicht von Besitz oder gesellschaftlichem Stand abhing. Gleich bedeutete gleiches Stimmgewicht. Unmittelbar bedeutete die Wahl der Abgeordneten ohne vorgeschaltete Wahlmänner. Geheim sollte schützen, dass niemand die persönliche Entscheidung kontrollieren konnte. Gesetzliche Wahlrechtsausschlüsse bestanden dennoch; „allgemein“ bedeutete nicht, dass jedes im Land lebende Kind oder jede ausländische Person wählen durfte.
Bei der Verhältniswahl sollen Stimmenanteil und Sitzanteil möglichst zusammenpassen. Eine Partei braucht daher häufig Partner für eine Mehrheit. Eine allgemeine Fünfprozenthürde war nicht vorgesehen. Das erleichterte kleineren Parteien den Zugang, machte aber bei starken politischen Gegensätzen die Mehrheitsbildung schwieriger.
Die Verfassung sah außerdem Volksbegehren und Volksentscheide vor. Unter festgelegten Bedingungen konnte die Bevölkerung damit selbst gesetzgeberische Entscheidungen anstoßen oder treffen. Solche Verfahren ergänzten das Parlament; sie ersetzten nicht sämtliche parlamentarischen Aufgaben.
Verhältniswahl an einem erfundenen Beispiel
Ein Parlament mit 100 Sitzen
A erhält 40 %, B 30 %, C 20 % und D 10 % der Stimmen. Im vereinfachten Modell ergeben sich 40, 30, 20 und 10 Sitze.
Zusammenhang erklären
Wir verzichten hier bewusst auf die damaligen tatsächlichen Verteilungsregeln und Rundungsverfahren. Das Modell zeigt nur die Grundidee der proportionalen Vertretung.
Mehrheit braucht Zusammenarbeit
A hat die meisten Sitze, aber keine Mehrheit aller 100 Sitze. A und C kämen zusammen auf 60 Sitze.
Zusammenhang erklären
Auch B, C und D könnten zusammen 60 Sitze erreichen. Eine rechnerisch mögliche Mehrheit wird erst durch politische Verständigung zu einer tragfähigen Zusammenarbeit.
Für dieses Lernmodell sind mindestens 51 Sitze eine Mehrheit aller Sitze. Die Regeln für konkrete parlamentarische Beschlüsse können davon abweichen.
Warum ist ein Kompromiss nicht automatisch ein demokratisches Problem?
Verschiedene Wählergruppen haben verschiedene Anliegen. Ein Kompromiss kann sie in gemeinsamen Entscheidungen berücksichtigen. Schwierig wird die Regierungsbildung, wenn Parteien grundsätzlich nicht kooperieren wollen oder die demokratische Ordnung selbst ablehnen.
3. Wer hatte welche Macht?
Weimar war eine parlamentarische Republik mit einem starken Präsidenten. Um die Ordnung zu verstehen, musst du zwischen wählen, ernennen, regieren und kontrollieren unterscheiden. Das sind unterschiedliche Aufgaben, auch wenn mehrere Institutionen an derselben Entscheidung beteiligt waren.
Die wichtigsten Institutionen im Zusammenhang
Reichstag: Volksvertretung
Die Bevölkerung wählte den Reichstag grundsätzlich für vier Jahre. Er beschloss Gesetze, entschied über den Haushalt und kontrollierte die Regierung.
Zusammenhang erklären
Der Reichstag konnte Kanzler oder Ministern ausdrücklich das Vertrauen entziehen. Eine neue Regierung musste bei einem solchen Misstrauensvotum noch nicht gleichzeitig bestimmt werden.
Reichspräsident: Staatsoberhaupt
Die Verfassung sah grundsätzlich eine direkte Wahl für sieben Jahre vor. Der Präsident ernannte und entließ den Kanzler, auf dessen Vorschlag die Minister.
Zusammenhang erklären
Er führte den Oberbefehl über die Streitkräfte, konnte den Reichstag auflösen und besaß Notbefugnisse. Friedrich Ebert wurde 1919 zunächst von der Nationalversammlung gewählt; erst 1925 fand eine direkte Reichspräsidentenwahl statt.
Reichsregierung: laufende Politik
Kanzler und Minister leiteten die Regierungsgeschäfte. Für ihre Amtsführung waren sie auf das Vertrauen des Reichstags angewiesen.
Zusammenhang erklären
Der Reichspräsident ernannte die Regierung. Das Parlament musste die Ernennung nicht zunächst durch eine Kanzlerwahl bestätigen, konnte der Regierung aber das Vertrauen entziehen.
Reichsrat: Ländervertretung
Die deutschen Länder, etwa Preußen und Bayern, wirkten über den Reichsrat an der Gesetzgebung und Verwaltung des Reichs mit.
Zusammenhang erklären
Der Reichsrat konnte unter anderem Einspruch gegen Reichstagsbeschlüsse erheben. Er wurde nicht als zweite allgemeine Volksvertretung direkt von der Bevölkerung gewählt.
Vereinfachte Übersicht der zentralen Beziehungen. Gerichte und weitere staatliche Aufgaben gehören ebenfalls zur Verfassungsordnung.
So liest du eine Machtbeziehung: Bevölkerung → wählt → Reichstag. Reichspräsident → ernennt → Reichskanzler. Reichstag → kontrolliert → Regierung. Bei einem eigenen Schaubild gehört die Tätigkeit immer an den Pfeil.
Fehlerdetektiv: „Der Reichstag ernannte den Reichspräsidenten für vier Jahre.“
Hier werden mehrere Regeln vermischt. Der Reichstag wurde für vier Jahre gewählt. Für den Reichspräsidenten sah die Verfassung eine direkte Volkswahl für sieben Jahre vor. Eberts Wahl durch die Nationalversammlung 1919 war eine Übergangslösung.
4. Freiheit, Gleichheit und soziale Ziele
Die Verfassung enthielt einen umfangreichen Teil über Grundrechte und Grundpflichten. Dazu gehörten persönliche Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungs- und Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit sowie Glaubens- und Gewissensfreiheit. Unabhängige Gerichte sollten Recht sprechen; Artikel 102 erklärte Richter für unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen.
Auch soziale Fragen wurden aufgenommen. Wirtschaft und Eigentum sollten dem Gemeinwohl dienen, Arbeit und soziale Absicherung Schutz erhalten. Solche Bestimmungen waren teils konkrete Rechte, teils Aufträge und Ziele für spätere Gesetzgebung. Eine Formulierung im Verfassungstext schuf nicht automatisch eine Wohnung, Arbeit oder tatsächliche Gleichstellung.
Artikel 109 sprach Männern und Frauen grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten zu. Das war ein wichtiger Schritt. In Familienrecht, Beruf und Alltag bestanden jedoch weiter Benachteiligungen. Deshalb muss man zwischen dem Anspruch der Verfassung, einfachen Gesetzen und tatsächlichen Lebensbedingungen unterscheiden.
Freie öffentliche Diskussion braucht geschützte Rechte und Möglichkeiten, diese Rechte tatsächlich zu nutzen. KI-generierte Veranschaulichung, keine historische Bildquelle.Beispiel: Was gehört zur Pressefreiheit – und was beweist sie noch nicht?
Eine Regierung öffentlich kritisieren zu dürfen, ist ein Freiheitsrecht. Ob jede Person eine Zeitung betreiben kann, ob Leser verschiedene Meinungen erreichen und ob Behörden das Recht respektieren, sind zusätzliche Fragen. Ein Verfassungsartikel ist ein Maßstab, aber noch kein vollständiger Bericht über den Alltag.
5. Artikel 48: Notbefugnisse und ihre Kontrolle
Eine Verfassung muss auch schwierige Situationen berücksichtigen. Artikel 48 erlaubte dem Reichspräsidenten bei einer erheblichen Störung oder Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung außerordentliche Maßnahmen. Dazu konnten der Einsatz bewaffneter Gewalt und die vorübergehende Außerkraftsetzung bestimmter Grundrechte gehören. Aus dieser Befugnis entwickelte sich die Praxis der Notverordnungen.
Die Regel bedeutete aber nicht: „Der Präsident darf jederzeit alles.“ Er musste den Reichstag unverzüglich über die Maßnahmen informieren. Verlangte der Reichstag ihre Aufhebung, mussten sie aufgehoben werden. Außerdem benötigten Anordnungen des Präsidenten grundsätzlich die Gegenzeichnung des Kanzlers oder des zuständigen Ministers. Diese Unterschrift verband das Handeln mit politischer Verantwortung der Regierung.
Ein Risiko lag in der Verbindung mit anderen Befugnissen. Nach Artikel 25 konnte der Präsident den Reichstag auflösen, allerdings nur einmal aus demselben Anlass; eine Neuwahl musste innerhalb von 60 Tagen stattfinden. Wenn sich Parlament und Regierung stritten, ließ sich damit die parlamentarische Kontrolle zeitweise schwächen.
Ab 1930 regierten die sogenannten Präsidialkabinette immer stärker mit Unterstützung des Reichspräsidenten und mit Notverordnungen. Das Parlament verlor dadurch praktisch an Einfluss. Diese Entwicklung folgte aus politischen Entscheidungen in einer schweren Krise; sie war nicht die einzige denkbare Anwendung der Verfassung.
Weitreichende Befugnisse verlangen wirksame Kontrolle. Das Bild stellt keinen bestimmten Präsidenten oder konkreten Erlass dar. KI-generierte Veranschaulichung, keine historische Bildquelle.
Originalquelle, Artikel 48 Absatz 3 – Auszug: „Die Maßnahmen sind auf Verlangen des Reichstags außer Kraft zu setzen.“
Quellenaufgabe: Welche Kontrollidee steckt in diesem Satz?
Das Parlament sollte außerordentliche Maßnahmen rückgängig machen können. Der Satz belegt deshalb eine vorgesehene Begrenzung der Notbefugnisse. Er beweist noch nicht, dass die Kontrolle in jeder politischen Lage wirksam funktionierte. Dafür müssen Entscheidungen, Mehrheiten und der Einsatz des Auflösungsrechts untersucht werden.
6. Stärken und Schwächen begründet beurteilen
Regeln schaffen Chancen – ihre Nutzung bleibt entscheidend
Demokratische Stärke
Breites Wahlrecht, gleiche Stimmen, parlamentarische Kontrolle und Freiheitsrechte erweiterten die politische Selbstbestimmung.
Zusammenhang erklären
Die Bevölkerung konnte Macht vergeben, öffentliche Kritik üben und sich organisieren. Damit entstand ein bedeutender Gegensatz zur früheren monarchischen Reichsspitze.
Verfassungsrisiko
Ein direkt legitimierter Präsident verfügte über Ernennung, Auflösung und Notbefugnisse. Das konnte ihn zum Konkurrenten des Parlaments machen.
Zusammenhang erklären
Fehlende Mehrheiten und antidemokratische Absichten konnten die Wirkung verstärken. Das Risiko erklärt sich aus dem Zusammenwirken mehrerer Regeln und Akteure.
Kein einzelnes Merkmal beweist, dass eine Demokratie bestehen oder scheitern muss.
Zur Schwäche der Republik gehörten nicht nur Verfassungsregeln. Kriegserfahrungen, wirtschaftliche Krisen, politische Gewalt, Gegner der Demokratie und Entscheidungen einflussreicher Personen wirkten ebenfalls. Die Formel „Artikel 48 verursachte allein die Diktatur“ erklärt deshalb zu wenig.
Ebenso ungenau wäre die Aussage, die Verfassung sei wertlos gewesen. Sie sicherte demokratische Rechte und eröffnete Möglichkeiten friedlicher Gestaltung. Ein Urteil sollte ihre Leistungen und Risiken anhand derselben Fragen prüfen: Wer kann teilnehmen? Wer entscheidet? Wer kontrolliert? Und wie werden Freiheit und Minderheiten geschützt?
Übungsfall: Ein Präsident löst das Parlament auf, um einer Ablehnung seiner Notmaßnahmen zu entgehen. Was untersuchst du?
Prüfe erst die Befugnisse und vorgesehenen Grenzen. Frage dann nach dem politischen Zweck, der tatsächlichen Kontrollmöglichkeit des Parlaments und den Folgen für die Bevölkerung. Dass einzelne Schritte auf Verfassungsartikel gestützt werden, beantwortet noch nicht, ob ihr Zusammenspiel die parlamentarische Demokratie stärkt oder aushöhlt.
19. Januar 1919
Wahl der verfassunggebenden Nationalversammlung mit Frauenwahlrecht.
31. Juli 1919
Die Nationalversammlung beschließt die neue Verfassung.
11. und 14. August 1919
Unterzeichnung durch Ebert; danach Verkündung und Inkrafttreten.
Ab 1930
Präsidialkabinette verschieben das politische Gewicht zum Reichspräsidenten.
Merke: Eine Verfassung verteilt Macht. Ob demokratische Kontrolle gelingt, hängt auch davon ab, wie Institutionen handeln und ob Menschen die demokratischen Regeln verteidigen.
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Der Reichstag wurde für vier Jahre gewählt. Zu seinen Aufgaben gehörten Gesetzgebung, Haushaltsentscheidungen und Regierungskontrolle.
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Der Reichspräsident war ein starkes Staatsoberhaupt. Die Verfassung sah grundsätzlich eine direkte Wahl für sieben Jahre vor.
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Die Reichsregierung war für ihre Amtsführung auf das Vertrauen des Reichstags angewiesen.
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Der Reichsrat war die Ländervertretung. Er ist weder der Reichstag noch ein revolutionärer Arbeiter- und Soldatenrat.
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Die Weimarer Verfassung 1919
Zusammenhänge wiederholen, Aussagen begründen und Ergebnisse selbst prüfen.
Diese Lernseite verbindet historisches Einordnen, Quellenkritik und begründetes Urteilen. Die drei Illustrationen wurden mit KI erstellt. Sie zeigen mögliche Situationen, keine dokumentierten Einzelereignisse. Vereinfachte Schaubilder und ausdrücklich erfundene Übungstexte sind didaktische Modelle.