Geschichte · Erster Weltkrieg und Umbrüche · Klasse 8–9
Russland 1917: Zwei Revolutionen
In Petrograd fordern Menschen Brot und ein Ende der alten Herrschaft. Wenige Monate später kämpfen politische Gruppen darum, wer nach dem gestürzten Zaren regieren soll. Russland erlebt 1917 nicht einen einzigen, klar geplanten Umbruch, sondern zwei Revolutionen mit unterschiedlichen Trägern und Ergebnissen.
Die Februarrevolution beendet die Zarenherrschaft. Die Oktoberrevolution bringt die Bolschewiki an die Regierung. Wie konnte sich die Hoffnung auf Freiheit in einen gewaltsamen Kampf um Macht verwandeln? Und warum heißt eine Revolution „Oktoberrevolution“, obwohl wir sie heute im November einordnen?
Protest begann nicht nur in Parteizentralen. Versorgungskrise, Arbeit und Krieg prägten die Forderungen auf der Straße. KI-generierte Veranschaulichung, keine historische Bildquelle.
Das kannst du danach: Du vergleichst Februar- und Oktoberrevolution, erklärst die Doppelherrschaft, ordnest die Kalenderdaten ein und unterscheidest revolutionäre Versprechen, Machtübernahme und spätere Herrschaft.
1. Warum das Zarenreich in eine Krise geriet
Russland war ein großes, sozial und sprachlich vielfältiges Reich. Der größte Teil der Bevölkerung lebte auf dem Land. Viele bäuerliche Familien wünschten mehr Land; in den wachsenden Industriestädten arbeiteten Menschen unter harten Bedingungen. Unterschiedliche Gruppen verlangten politische Mitsprache. Die Revolution von 1905 hatte zwar zur Einrichtung eines Parlaments, der Duma, geführt. Der Zar behielt jedoch weitreichende Macht; Russland wurde keine parlamentarische Demokratie.
Der Erste Weltkrieg verschärfte diese Konflikte. Soldaten und ihre Familien erlebten hohe Verluste. Transportprobleme, Preissteigerungen und Schwierigkeiten bei der Versorgung belasteten die Städte. Zar Nikolaus II. übernahm 1915 selbst den militärischen Oberbefehl und wurde dadurch noch unmittelbarer mit den Niederlagen verbunden.
Nicht eine einzelne Ursache löste den Zusammenbruch aus. Langfristige soziale und politische Spannungen trafen auf die außergewöhnlichen Belastungen des Krieges. Dass daraus eine neue Diktatur entstehen würde, stand zu Jahresbeginn 1917 noch nicht fest.
2. Die Februarrevolution: Der Zar verliert die Macht
In Petrograd, dem damaligen Namen von St. Petersburg, weiteten sich im Frühjahr Proteste gegen Hunger und Krieg aus. Arbeiterinnen spielten beim Beginn der Demonstrationen eine wichtige Rolle. Streiks und Kundgebungen griffen um sich. Entscheidend war, dass Teile der eingesetzten Soldaten nicht mehr gegen die Protestierenden vorgingen, sondern sich ihnen anschlossen.
Ohne verlässliche militärische Unterstützung konnte der Zar seine Herrschaft nicht erhalten. Am 2. März nach russischem Kalender, dem 15. März nach unserem Kalender, dankte Nikolaus II. ab. Politiker aus dem Umfeld der Duma bildeten eine Provisorische Regierung. Daneben entstand der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat als zweites wichtiges Machtzentrum.
Die Februarrevolution war keine von Lenin angeführte Machtübernahme. Er lebte zu diesem Zeitpunkt noch im Exil. Der Umbruch öffnete zunächst politische Freiräume: Parteien und Zeitungen konnten stärker öffentlich auftreten, politische Gefangene wurden freigelassen. Über die künftige Ordnung bestand aber keine Einigkeit.
Zwei Kalender, dieselben Ereignisse: Russland verwendete 1917 noch den julianischen Kalender. Er lag damals 13 Tage hinter dem gregorianischen Kalender. Der 23. Februar entsprach dem 8. März; der 25. Oktober dem 7. November. Deshalb liegen „Februar-“ und „Oktoberrevolution“ nach unserem Kalender im März beziehungsweise November.
Warum ist es wichtig, den Kalender anzugeben?
Ohne Kalenderangabe können zwei korrekte Datierungen wie ein Widerspruch aussehen. Beim Vergleich von Darstellungen prüfst du deshalb zuerst, welcher Kalender verwendet wird. Die 13 Tage gelten für diesen historischen Zeitraum, nicht unverändert für alle Jahrhunderte.
3. Doppelherrschaft: Wer darf entscheiden?
Die Provisorische Regierung beanspruchte, den Staat zu führen. Die Sowjets konnten sich dagegen auf die Unterstützung vieler Arbeiter und Soldaten stützen. Diese Doppelherrschaft war keine sauber geregelte Aufteilung in zwei gleich starke Regierungen. Vielmehr überschnitten sich Macht, Erwartungen und Verantwortlichkeiten.
In der Regierung arbeiteten zunächst vor allem liberale Politiker, später auch gemäßigte Sozialisten. Ab Sommer stand Alexander Kerenski an ihrer Spitze. In den Räten hatten anfangs andere sozialistische Gruppen, insbesondere Menschewiki und Sozialrevolutionäre, großen Einfluss. Sowjet und Bolschewiki sind deshalb nicht dasselbe.
Die Regierung wollte den Krieg an der Seite ihrer Verbündeten fortsetzen und grundlegende Entscheidungen über die Landverteilung einer späteren Versammlung überlassen. Viele Soldaten und Bauern wollten jedoch sofort Frieden und Land. Je länger die Probleme ungelöst blieben, desto stärker geriet die Regierung unter Druck.
Räte bündelten Interessen und übten Macht aus. Ihre politische Zusammensetzung und ihre Beziehungen zur Regierung änderten sich. KI-generierte Veranschaulichung, keine historische Bildquelle.
Zwei Machtzentren – drei ungelöste Fragen
Provisorische Regierung
Sie sollte den Staat verwalten und eine neue politische Ordnung vorbereiten.
Zusammenhang erklären
Ohne verlässliche Unterstützung durch Soldaten, Arbeiter und andere gesellschaftliche Gruppen konnte sie Beschlüsse oft nur schwer durchsetzen.
Arbeiter- und Soldatenräte
Sie vertraten wichtige Gruppen in Betrieben und Kasernen.
Zusammenhang erklären
Ihre Autorität beruhte auf organisierter Unterstützung vor Ort. Die Räte waren untereinander verschieden und politisch nicht einheitlich.
Krieg und Versorgung
Sollte Russland weiterkämpfen? Wie sollten die Städte ernährt werden?
Zusammenhang erklären
Die Fortsetzung des Krieges beanspruchte Menschen, Geld und Transportmittel. Sie erschwerte die Lösung der Versorgungskrise.
Land und Mitbestimmung
Wer sollte über die Verteilung von Land und die künftige Verfassung entscheiden?
Zusammenhang erklären
Abwarten konnte geordnet erscheinen, wurde von Menschen in akuter Not aber als Vertröstung erlebt.
Das Schaubild vereinfacht die Lage. Regierung, Parteien und Räte veränderten sich im Laufe des Jahres.
4. Die Bolschewiki übernehmen die Macht
Lenin kehrte im April 1917 nach Russland zurück. Die deutsche Führung erleichterte seine Reise, weil sie auf eine Schwächung ihres Kriegsgegners hoffte. Daraus folgt aber nicht, dass sie den gesamten weiteren Verlauf kontrollierte. Lenin forderte einen Bruch mit der Provisorischen Regierung und die Übertragung der Macht an die Räte.
Mit Forderungen nach Frieden, Land und Brot gewannen die Bolschewiki Unterstützung. Ihre Ziele gingen jedoch über einzelne Reformen hinaus: Im Sinne einer sozialistischen Revolution wollten sie die bisherige Staats- und Eigentumsordnung grundlegend verändern. Sozialismus bezeichnete dabei keine einheitliche politische Richtung; andere Sozialisten lehnten Lenins Weg zur Macht ab.
Eine gescheiterte Sommeroffensive schwächte die Provisorische Regierung weiter. Als General Kornilow im Spätsommer mit Truppen gegen Petrograd vorging, befürchteten viele eine Militärdiktatur. Bolschewiki beteiligten sich an der Abwehr und gewannen dadurch Ansehen. Im Herbst erreichten sie wichtige Mehrheiten in großen Räten. Unter Beteiligung des von Trotzki geleiteten Militärrevolutionären Komitees besetzten bewaffnete Kräfte in Petrograd zentrale Punkte.
In der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober, nach unserem Kalender vom 7. auf den 8. November, wurde die Provisorische Regierung gestürzt. Eine neue Regierung unter Lenin übernahm die Führung. Der Umsturz in der Hauptstadt entschied jedoch noch nicht, wer das ganze ehemalige Zarenreich dauerhaft beherrschen würde.
War die Oktoberrevolution dasselbe wie der Februaraufstand?
Nein. Im Februar führte ein breiter Protest mit Streiks und dem Überlaufen von Soldaten zum Sturz des Zaren. Im Oktober organisierten die Bolschewiki die Entmachtung der bereits bestehenden Provisorischen Regierung. Sie hatten reale Unterstützung in wichtigen Städten, aber kein Mandat einer Mehrheit der gesamten Bevölkerung für ihre spätere Alleinherrschaft.
Die Landfrage war für viele Menschen entscheidend. Erwartungen auf dem Land entsprachen nicht automatisch den langfristigen Zielen der bolschewistischen Führung. KI-generierte Veranschaulichung, keine historische Bildquelle.
5. Versprechen, Bürgerkrieg und neue Diktatur
Die neue Regierung forderte Friedensverhandlungen und unterstützte die Aufhebung des Großgrundbesitzes. Solche Schritte griffen dringende Erwartungen auf. Sie beseitigten Hunger, Gewalt und politische Gegensätze aber nicht sofort. Nach einem Waffenstillstand im Dezember 1917 akzeptierte die bolschewistische Regierung am 3. März 1918 den Frieden von Brest-Litowsk mit den Mittelmächten. Das Ausscheiden aus dem Weltkrieg war mit schweren territorialen Verlusten verbunden.
Bei der Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung im November 1917 erhielten die Bolschewiki keine Mehrheit. Als die Versammlung im Januar 1918 zusammentrat, wurde sie nach kurzer Zeit gewaltsam aufgelöst. Andere Parteien wurden zunehmend unterdrückt. Die Geheimpolizei Tscheka wurde ein Instrument des Terrors. Aus dem Versprechen einer Macht der Räte entwickelte sich eine zunehmend von einer Partei beherrschte Diktatur.
Im Bürgerkrieg kämpften die „Roten“, also die bolschewistische Seite, gegen unterschiedliche Gegner, häufig als „Weiße“ zusammengefasst. Hinzu kamen bäuerliche Bewegungen, nationale Unabhängigkeitsbestrebungen und ausländische Interventionen. Die Gegner der Bolschewiki verfolgten keineswegs alle demokratische Ziele. Gewalt, Zwang und Hunger trafen große Teile der Bevölkerung.
Die Bolschewiki setzten sich in weiten Gebieten durch. Die Sowjetunion wurde erst 1922 gegründet, nicht bereits 1917. Sie umfasste mehrere Sowjetrepubliken. Die Russischen Revolutionen, der Bürgerkrieg und die spätere Gründung des Unionsstaats sind miteinander verbunden, aber nicht dasselbe Ereignis.
Versprechen und Ergebnis unterscheiden: „Frieden“ konnte das Ende der Beteiligung am Weltkrieg bedeuten, während im Inneren weiter Bürgerkrieg herrschte. „Macht der Räte“ bedeutete später nicht, dass unterschiedliche politische Kräfte frei und gleichberechtigt mitentschieden.
Urteilsaufgabe: War die Revolution erfolgreich?
Das hängt von der Frage und der betrachteten Gruppe ab. Die Zarenherrschaft endete; die Bolschewiki setzten sich als neue Machthaber durch. Wer politische Freiheit und offene demokratische Beteiligung erwartete, erlebte dagegen schwere Rückschläge. Ein begründetes Urteil nennt seine Maßstäbe, unterscheidet Phasen und prüft die Folgen für verschiedene Menschen.
6. Warum 1917 als Epochenjahr gilt
1917 traten die USA in den Ersten Weltkrieg ein, während Russland zwei Revolutionen erlebte und sich auf den Weg zum Ausscheiden aus dem Krieg machte. Damit änderten sich das militärische Kräfteverhältnis und längerfristig die Weltpolitik. US-Präsident Wilson verband den Krieg mit dem Anspruch einer neuen Friedensordnung. Die Bolschewiki stellten dem eine sozialistische Revolution und die Hoffnung auf ihre internationale Ausbreitung gegenüber.
Der Begriff Epochenjahr bedeutet nicht, dass sich am 1. Januar plötzlich alles änderte. Er ist eine rückblickende Einordnung: In einem Jahr bündeln sich Entwicklungen mit weitreichenden Folgen. Auch entstand 1917 noch nicht der Kalte Krieg. Die spätere Weltmachtstellung der USA und der Sowjetunion bildete sich über weitere Jahrzehnte aus.
Politische Ansprüche sind außerdem von ihrer Umsetzung zu unterscheiden. Wilsons Freiheits- und Demokratievorstellungen galten in der Praxis nicht uneingeschränkt für alle Menschen, etwa angesichts rassistischer Ausgrenzung in den USA und kolonialer Herrschaft. Ebenso bedeuteten die bolschewistischen Befreiungsversprechen keine gesicherte politische Freiheit.
1905
Eine erste Revolution erzwingt begrenzte Reformen; die Zarenherrschaft bleibt bestehen.
Februar/März 1917
Breite Proteste, Soldatenaufstände und die Abdankung des Zaren eröffnen eine neue politische Situation.
Frühjahr bis Herbst 1917
Provisorische Regierung und Räte ringen um Einfluss; Krieg und Landfrage bleiben umstritten.
Oktober/November 1917
Die Bolschewiki stürzen die Provisorische Regierung.
1918
Auflösung der Verfassunggebenden Versammlung, Brest-Litowsk und Ausweitung des Bürgerkriegs.
1922
Gründung der Sowjetunion nach dem Sieg der Bolschewiki in weiten Teilen des ehemaligen Reiches.
Merke: Februar: Ende der Zarenherrschaft. Oktober: bolschewistische Machtübernahme. Danach: gewaltsame Durchsetzung der neuen Herrschaft. 1922: Gründung der Sowjetunion.
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Die Zarenherrschaft war die monarchische Ordnung Russlands. Auch nach den begrenzten Reformen von 1905 behielt der Zar sehr große Macht.
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Provisorisch bedeutet vorläufig. Eine gewählte Verfassunggebende Versammlung sollte über die dauerhafte Ordnung entscheiden.
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Sowjet heißt Rat. Die Räte waren 1917 nicht von Anfang an ausschließlich bolschewistisch.
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Die Bolschewiki wollten eine sozialistische Revolution und eine von ihrer Partei geführte neue Ordnung.
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Russland 1917: Zwei Revolutionen
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