Chemie · Klasse 11–13 · Organische Reaktionen

Nucleophile Substitution

Wie ersetzt ein Nucleophil eine Abgangsgruppe? Verfolge Bindungsbildung und Bindungsspaltung an Strukturformeln und unterscheide Sₙ2 von Sₙ1.

CH₃Br + OH⁻ → CH₃OH + Br⁻

Elektronenpaarspende · Rückseitenangriff · Bindungsaustausch

Eine Gruppe wird durch ein Nucleophil ersetzt

CH₃–Br + OH⁻ → CH₃–OH + Br⁻
CH₃OH+Br⁻MethanolBromid

Strukturzeichnung bei Bedarf seitlich verschieben.

Bei einer nucleophilen Substitution ersetzt ein Nucleophil eine Abgangsgruppe an einem Kohlenstoffatom. Hier ersetzt OH⁻ das gebundene Brom: Aus Brommethan wird Methanol.

Das Nucleophil stellt ein Elektronenpaar für die neue Bindung bereit. Die Abgangsgruppe nimmt das Elektronenpaar ihrer alten Bindung mit. Deshalb entsteht Br⁻ und kein Brom-Radikal.

Anschluss: radikalische Substitution arbeitet mit ungepaarten Elektronen; hier werden Elektronenpaare verschoben.

Das positiv polarisierte C-Atom ist die Angriffsstelle

Nucleophil: OH⁻

Das O-Atom besitzt freie Elektronenpaare. Eines bildet die neue C–O-Bindung. Auch ungeladene Teilchen wie H₂O können Nucleophile sein.

Elektrophiles Zentrum: C

In der C–Br-Bindung zieht Br die Bindungselektronen stärker an. Das C-Atom ist partiell positiv (δ+) und kann vom Nucleophil angegriffen werden.

HO⁻CBrHHHδ+δ−

Strukturzeichnung bei Bedarf seitlich verschieben.

Die gebogenen Pfeile zeigen Elektronenpaare: vom O-Atom zum C-Atom und von der C–Br-Bindung zum Br-Atom. Die Pfeile beginnen an Elektronen, nicht an positiven Ladungen.

SN2: Angriff und Abgang geschehen gleichzeitig

1 · Angriff von der Rückseite

OH⁻ nähert sich dem C-Atom von der Seite gegenüber der C–Br-Bindung. So kann es mit dem passenden Orbital wechselwirken.

2 · Ein gemeinsamer Übergangszustand

HOCBrHHH

Strukturzeichnung bei Bedarf seitlich verschieben.

Die C–O-Bindung wird aufgebaut, während sich C–Br löst. Gestrichelte Linien stehen für teilweise gebildete beziehungsweise gelöste Bindungen. Das Zeichen ‡ markiert den Übergangszustand: einen sehr kurzlebigen energiereichen Zustand, kein isolierbares Zwischenprodukt.

3 · Produkte entstehen

CH₃–OH + Br⁻

Die C–O-Bindung ist vollständig gebildet. Die Abgangsgruppe liegt als Bromid-Ion vor. Es gibt bei SN2 kein freies Carbokation zwischen Angriff und Abgang.

Die drei Ansichten zerlegen die Erklärung, nicht die Reaktion: SN2 läuft in einem einzigen konzertierten Schritt ab.

Substitutions-Labor: Elektronen und Bindungen verfolgen

Wechsle die Ansicht. Erkläre jeweils, woher das Elektronenpaar der neuen Bindung stammt.

Edukte und Elektronenbewegung

HO⁻CBrHHHδ+δ−

Strukturzeichnung bei Bedarf seitlich verschieben.

OH⁻ greift von der Seite gegenüber Br an. Beide gebogenen Pfeile gehören zum selben Reaktionsschritt.

SN1 und SN2 unterscheiden

SN2 · ein Reaktionsschritt

Nucleophil und Substrat sind am geschwindigkeitsbestimmenden Schritt beteiligt. Wenig abgeschirmte C-Atome erleichtern den Rückseitenangriff. An einem stereogenen Zentrum führt er zur Inversion der räumlichen Anordnung.

SN1 · über ein Carbokation

Zuerst löst sich die Abgangsgruppe. Ein Carbokation entsteht; danach greift das Nucleophil an. Gut stabilisierte Carbokationen begünstigen diesen Weg. War das reagierende C-Atom zuvor stereogen, kann am nun planaren Carbokation der Angriff von beiden Seiten erfolgen.

(CH₃)₃C–Br → (CH₃)₃C⁺ + Br⁻
(CH₃)₃C⁺ + H₂O → (CH₃)₃C–OH₂⁺
(CH₃)₃C–OH₂⁺ + H₂O → (CH₃)₃C–OH + H₃O⁺

Dieses SN1-Beispiel zeigt tert-Butylbromid in Wasser. Nach dem Angriff des Wassers wird noch ein Proton abgegeben. Die 1 beziehungsweise 2 bezeichnet die Molekularität des geschwindigkeitsbestimmenden Schritts, nicht die Zahl der Produkte.

Inversion bedeutet nicht automatisch R → S: Auch die Prioritätsreihenfolge kann sich ändern. Bei SN1 entsteht oft eine Mischung der Konfigurationen, nicht zwingend exakt 50 : 50.

Substrat, Nucleophil und Lösungsmittel wirken zusammen

SN2 wird erleichtert

Methyl- und viele primäre Halogenalkane sind gut zugänglich. Ein geeignetes starkes Nucleophil und häufig ein polar-aprotisches Lösungsmittel begünstigen SN2.

Konkurrenz beachten

Bei stark abgeschirmten C-Atomen wird SN2 schwierig. Starke Basen können stattdessen H⁺ abspalten und ein Alken bilden. Sekundäre Substrate sind besonders vom Zusammenspiel der Bedingungen abhängig.

Eine gute Abgangsgruppe kann die aufgenommene negative Ladung ausreichend stabilisieren. Br⁻ ist beispielsweise eine bessere Abgangsgruppe als OH⁻. Bei einem Alkohol kann Protonierung aus der schlechten Abgangsgruppe OH⁻ die bessere Abgangsgruppe H₂O machen.

Konzentrations-Labor: Was ändert die Geschwindigkeit?

SN2: v = k · c(Substrat) · c(Nucleophil)

Zum Vergleich gilt beim einfachen SN1-Modell: v = k · c(Substrat).

Sₙ2: 1-fache Geschwindigkeit · Sₙ1: 1-fache Geschwindigkeit

Relative Anfangsgeschwindigkeiten bei gleicher Temperatur und unverändertem k. Das Modell sagt keine Produktanteile voraus.

Acht Aufgaben: erst selbst lösen, dann vergleichen

1 · Welche Teilchen sind in CH₃Br + OH⁻ → CH₃OH + Br⁻ Nucleophil und Abgangsgruppe?

Tipp anzeigen
Achte auf die neue und die gelöste Bindung.
Lösung anzeigen
OH⁻ ist das Nucleophil; sein O-Atom bildet die neue Bindung. Br ist die gebundene Abgangsgruppe und verlässt das Substrat als Br⁻.

2 · Warum wird das C-Atom und nicht das Br-Atom angegriffen?

Tipp anzeigen
Prüfe die Polarisierung von C–Br.
Lösung anzeigen
Br ist elektronegativer. Das an Br gebundene C ist δ+ und damit das elektrophile Zentrum für den Rückseitenangriff.

3 · Wohin zeigen die zwei Elektronenpaarpfeile bei Sₙ2?

Tipp anzeigen
Ein Pfeil bildet eine Bindung, einer löst sie.
Lösung anzeigen
Vom freien Elektronenpaar des O zum C; von der C–Br-Bindung zu Br. Beide Bewegungen gehören zu einem konzertierten Schritt.

4 · Ist der Sₙ2-Übergangszustand ein Carbokation?

Tipp anzeigen
Vergleiche teilweise Bindungen mit einer Zwischenstufe.
Lösung anzeigen
Nein. Neue Bindung und Abgang bestehen teilweise gleichzeitig. Ein freies Carbokation ist eine mögliche Sₙ1-Zwischenstufe, nicht der Sₙ2-Übergangszustand.

5 · Beide Konzentrationen werden verdoppelt. Wie ändert sich v bei Sₙ2?

Tipp anzeigen
Setze die Faktoren in das Geschwindigkeitsgesetz ein.
Lösung anzeigen
v wird 2 · 2 = 4-mal so groß. Beim einfachen Sₙ1-Modell würde die doppelte Substratkonzentration v nur verdoppeln.

6 · Warum reagiert ein tertiäres Halogenalkan kaum über Sₙ2?

Tipp anzeigen
Denke an den Raum um das angegriffene C.
Lösung anzeigen
Drei Alkylgruppen schirmen das Reaktionszentrum ab. Der Rückseitenangriff ist stark behindert. Je nach Bedingungen kommen Sₙ1 oder Eliminierung infrage.

7 · Welche Produkte entstehen formal aus CH₃CH₂Br + OH⁻ bei Substitution?

Tipp anzeigen
Ersetze Br durch OH, ohne eine Doppelbindung zu erzeugen.
Lösung anzeigen
CH₃CH₂OH + Br⁻. Das organische Produkt ist Ethanol. Die Gesamtladung bleibt −1.

8 · Bei vollständiger Substitution reagieren 0,10 mol Bromethan. Wie viel Ethanol entsteht theoretisch?

Tipp anzeigen
Das Verhältnis ist 1 : 1; M(Ethanol) ≈ 46,1 g/mol.
Lösung anzeigen
0,10 mol Ethanol, also m = 0,10 · 46,1 = 4,61 g. Vorausgesetzt sind genügend Nucleophil und keine Nebenreaktionen.

Kurzer Begriffscheck

Welche Aussage passt zu Sₙ2?

Wähle eine Antwort.

Für den Unterricht: Elektronenwege begründen

Einstieg: Brommethan und Methanol vergleichen und die ausgetauschte Gruppe markieren.
Partnerarbeit: Im Substitutions-Labor erklärt eine Person den Pfeilanfang, die andere das Pfeilende.
Sicherung: SN1 und SN2 anhand von Zwischenstufe und Konzentrationsabhängigkeit unterscheiden.

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Direkt zum Thema: Sₙ2, Abgangsgruppe und Bindungsaustausch trainieren.

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Vorschau: Organische Reaktionsmechanismen intensiv I – kostenloses Chemie-Arbeitsblatt mit Lösungen (PDF)

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Vertiefung: Nucleophile, Elektrophile und Elektronenpaarpfeile vergleichen.

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Vorschau: Alkohole und Hydroxygruppen – kostenloses Chemie-Arbeitsblatt mit Lösungen (PDF)

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Grundlagen zum Produkt: Hydroxygruppen und Alkoholstrukturen erkennen.

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Fachlich weiterführend: OpenStax · Sₙ2-Mechanismus, OpenStax · Reaktionsbedingungen im Vergleich

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