1 · Was bedeutet die Steigung im Ort-Zeit-Diagramm?
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Die Geschwindigkeit. Ihre Einheit ist Länge geteilt durch Zeit, hier m/s.
Physik verstehen und üben · Messen und Auswerten
Physik · Sekundarstufe I und II
Wie wird aus einer Messwerttabelle eine physikalische Aussage? Zeichne ein sinnvolles Diagramm, passe ein Modell an und deute Steigung, Achsenabschnitt und Abweichungen.
Im Ort-Zeit-Diagramm einer gleichförmigen Bewegung bedeutet die Steigung Geschwindigkeit und der Achsenabschnitt Anfangsort.
Wir untersuchen einen Wagen auf einer geraden Strecke: Bewegt er sich näherungsweise mit konstanter Geschwindigkeit? Dazu messen wir zu verschiedenen Zeiten t seinen Ort s relativ zu einer festgelegten Startmarke. Die Bezeichnung s steht hier für die Ortskoordinate, nicht allgemein für die insgesamt zurückgelegte Weglänge.
Die Zeit kommt auf die waagerechte Achse, der Ort auf die senkrechte. Die Messpaare bleiben zusammen: Ein Ort gehört immer zu seiner Messzeit. Im Beispiel werden die Zeitwerte als gegenüber den Ortswerten hinreichend genau behandelt. Die Zahlen sind konstruierte Übungsdaten, keine dokumentierten Versuchsmessungen.
Eine gute Auswertung beantwortet die Ausgangsfrage und nennt ihre Grenzen. Ein hübsches Diagramm oder eine lange Dezimalzahl allein reicht dafür nicht. Die Grundlagen zur Messunsicherheit helfen, die Aussagekraft einzuordnen.
| Zeit t in s | Ort s in m |
|---|---|
| 0 | 0,1 |
| 1 | 2 |
| 2 | 4,2 |
| 3 | 5,9 |
| 4 | 8,1 |
Notiere Größenzeichen und Einheit im Tabellenkopf und verwende eine einheitliche Schreibweise. Bewahre die ursprünglichen Messwerte auf. Umgerechnete oder korrigierte Werte gehören in eine zusätzliche Spalte oder werden als solche gekennzeichnet.
Wähle für das Diagramm einen gleichmäßigen Maßstab, der die Daten gut sichtbar macht. Beschrifte beide Achsen mit Größe und Einheit. Trage zunächst Punkte ein. Eine Zickzacklinie durch alle Punkte würde suggerieren, dass jede kleine Abweichung eine wirkliche Bewegungsänderung ist; für die Prüfung eines einfachen Bewegungsmodells ist das meist ungeeignet.
s(t) = v · t + s₀
Bei gleichförmiger Bewegung ist der Ort eine lineare Funktion der Zeit. v ist die Geschwindigkeit in m/s und s₀ der Ort bei t = 0. s₀ darf von null verschieden sein, wenn der Wagen beim Start der Zeitmessung bereits etwas von der Ortsmarke entfernt ist.
Die Ausgleichsgerade soll die Gesamtheit der Werte beschreiben. Sie muss nicht exakt durch einen bestimmten Messpunkt gehen. Ohne sachlichen Grund darf sie auch nicht durch den Ursprung gezwungen werden: „linear“ bedeutet nicht automatisch „proportional“. Proportionalität verlangt zusätzlich s₀ = 0.
ri = si − (v ti + s₀)
ri heißt Residuum: gemessener Ort minus vom Modell vorhergesagter Ort. Im Diagramm ist es der vertikale Abstand eines Punkts von der Geraden, mit Vorzeichen. Bei der Methode der kleinsten Quadrate wird die Summe dieser quadrierten Abstände minimiert:
Q = Σri²
Das Quadrieren verhindert, dass positive und negative Abweichungen einander aufheben, und gewichtet große Abweichungen stärker. Q besitzt hier die Einheit m². Es ist keine Geschwindigkeit und auch nicht unmittelbar die Unsicherheit der Geschwindigkeit.
Verändere zuerst die Steigung, danach den Anfangsort. Beobachte, wie sich die vertikalen Abstände verändern. Versuche Q möglichst klein zu machen und vergleiche anschließend mit „Beste Gerade“. Diese Funktion verwendet dieselben fünf Datenpunkte; sie erzeugt keine neuen Messdaten.
Beginne bei v = 2,00 m/s und s₀ = 0. Die Linie wirkt bereits passend, hat aber Q = 0,0700 m². Die rechnerisch beste Gerade erreicht Q = 0,0510 m². Frage: Bedeutet das, dass der Wagen nachweislich exakt gleichförmig fuhr? Nein – es ist die beste Gerade für diese Werte, noch kein Beweis des physikalischen Modells.
Für eine Gerade mit freiem Achsenabschnitt lauten die Formeln:
v = Σ(ti − t̄)(si − s̄)Σ(ti − t̄)²; s₀ = s̄ − v t̄
1. Mittelwerte: t̄ = 2,00 s und s̄ = 4,06 m. Mittelwerte von Zeit und Ort werden getrennt gebildet.
2. Abweichungen auswerten: Die Summe der Produkte (ti − t̄)(si − s̄) ist 19,90 m·s. Die Summe der quadrierten Zeitabweichungen beträgt 10,00 s².
v = 19,90 m·s10,00 s² = 1,99 m/s
s₀ = 4,06 m − 1,99 m/s · 2,00 s = 0,08 m
3. Ergebnis deuten: Die angepasste Gerade beschreibt eine Geschwindigkeit von 1,99 m/s und einen Anfangsort von 0,08 m. Ihre Gleichung lautet:
s(t) = 1,99 m/s · t + 0,08 m
Die Residuen betragen der Reihe nach +0,02 m; −0,07 m; +0,14 m; −0,15 m und +0,06 m. Ihre Quadrate summieren sich zu Q = 0,0510 m². Die Residuen sind keine direkt bekannten „wahren Messfehler“: Auch das Modell und seine geschätzten Parameter können unvollkommen sein.
Wenn du zeichnerisch arbeitest, wähle zwei gut ablesbare Punkte auf der Ausgleichsgeraden, möglichst weit auseinander. Es müssen keine ursprünglichen Messpunkte sein. Ein großes Steigungsdreieck verringert den relativen Einfluss kleiner Ableseabweichungen.
v = ΔsΔt
Auf unserer Geraden liegen beispielsweise (0 s; 0,08 m) und (4 s; 8,04 m). Der Ortsunterschied beträgt 7,96 m, der Zeitunterschied 4 s. Ihr Quotient ist 1,99 m/s. Die Einheit entsteht aus den Achseneinheiten, nicht aus den Zentimetern auf dem Papier.
Bei anderen Diagrammen bedeutet eine Steigung etwas anderes: Im U-I-Diagramm mit U senkrecht und I waagerecht ist die Steigung ein Widerstand. Vertauschst du die Achsen, erhältst du seinen Kehrwert. Benenne deshalb immer die Achsen, bevor du eine Steigung deutest.
Betrachte die Abweichungen: Liegen die Punkte ohne erkennbares Muster oberhalb und unterhalb der Geraden, ist das mit zufälligen Schwankungen vereinbar. Eine systematische Krümmung kann darauf hinweisen, dass eine Gerade ungeeignet ist. Fünf Punkte allein liefern aber nur begrenzte Information.
Für unsere ungewichtete Anpassung sollen die Ortswerte vergleichbare Unsicherheiten besitzen, die Zeitunsicherheiten vernachlässigbar sein und keine unberücksichtigten systematischen Effekte dominieren. Bei stark unterschiedlichen Ortsunsicherheiten ist eine gewichtete Anpassung sinnvoll. Sind beide Achsen wesentlich unsicher, braucht man eine dafür geeignete Methode.
Entferne einen auffälligen Punkt nicht nur, um die Gerade schöner zu machen. Prüfe Protokoll und Messablauf. Ein Ausschluss benötigt eine dokumentierte Begründung. Auch ein sehr gutes Anpassungsmaß beweist weder eine Ursache-Wirkungs-Beziehung noch, dass die Modellannahmen stimmen.
Innerhalb des beobachteten Bereichs heißt eine Vorhersage Interpolation: Bei t = 2,5 s liefert die Gerade etwa 5,06 m. Bei t = 10 s wäre es eine Extrapolation; der Wagen könnte inzwischen bremsen oder die Strecke verlassen haben. Das Modell darf nicht ohne Begründung beliebig fortgesetzt werden.
Beispiel: „Die fünf Ortsmessungen im Bereich von 0 bis 4 s lassen sich näherungsweise durch s(t) = 1,99 m/s · t + 0,08 m beschreiben. Die Werte wurden mit einer ungewichteten Ausgleichsgeraden angepasst. Die Ortsresiduen reichen von −0,15 bis +0,14 m. Zur Beurteilung, wie genau die Geschwindigkeit bekannt ist, sind die Messunsicherheiten und Modellannahmen zusätzlich zu berücksichtigen.“
Damit sind Datengrundlage, Methode, physikalische Bedeutung und Grenze benannt. Die vielen angezeigten Dezimalstellen einer Software ersetzen keine Unsicherheitsbewertung. Eine systematische Nullpunktverschiebung kann etwa den Achsenabschnitt ändern, ohne große Residuen zu hinterlassen.
Alle Punkte durch Zickzack verbinden: Messschwankungen sind nicht automatisch echte Änderungen des Vorgangs.
Eine Gerade immer durch null legen: Ein Anfangswert muss physikalisch begründet behandelt werden.
Für die Steigung beliebige Messpunkte wählen: Zur zeichnerischen Auswertung gehören Punkte auf die Ausgleichsgerade.
Q als Unsicherheit ausgeben: Die Quadratsumme ist ein Anpassungskriterium mit eigener Einheit.
Außerhalb des Messbereichs bedenkenlos vorhersagen: Die Gültigkeit des Modells muss dafür geprüft werden.
Erst vorhersagen oder selbst rechnen, dann die Lösung öffnen.
Die Geschwindigkeit. Ihre Einheit ist Länge geteilt durch Zeit, hier m/s.
Nein. Sie beschreibt die Gesamtheit der Punkte nach einem gewählten Anpassungskriterium.
r = 4,20 m − 4,06 m = +0,14 m.
Nein. Die Beziehung ist linear, aber wegen des von null verschiedenen Achsenabschnitts nicht proportional.
Damit sich positive und negative Abweichungen nicht aufheben. Große Abweichungen tragen stärker zur Summe bei.
10 s liegt außerhalb des Messbereichs von 0 bis 4 s. Für diese Extrapolation ist nicht gezeigt, dass das Bewegungsmodell dort noch gilt.
Die Tabelle und die sechs Aufgaben dieser Seite stehen direkt zum Üben bereit. Übertrage die fünf Messpaare beispielsweise in ein Tabellenkalkulationsprogramm und vergleiche die lineare Trendlinie mit der Rechnung. Ein eigenes kostenloses Arbeitsblatt speziell zur Messdatenauswertung wurde im Shop nicht gefunden.

Allgemeines Nachschlagebuch zur Oberstufenphysik als Ergänzung zu den untersuchten Fachthemen. Den genauen Methoden- und Themenumfang der Ausgabe findest du auf der Produktseite.
Material und Details ansehen →Fachlicher Abgleich der Grundlagen: NIST · Methode der kleinsten Quadrate.